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In seinen Park Studios am Starnberger See geben sich seit Jahren nicht nur Kunden die Klinke in die Hand, sondern auch Politiker wie Michail Gorbatschow, den der gebürtige Ungar Leslie Mandoki zu seinen Freunden zählen darf. Auch die regelmäßigen Stelldicheins seiner Seelenverwandten Al di Meola, Ian Anderson oder Bobby Kimball werden zu Happenings, bei denen nach Herzenslust gejammt wird. Denn bis heute gilt die große Liebe des Schlagzeugers dem Jazzrock.
Ann Kathrin Bronner: Leslie, Schlagzeug ist ja nicht unbedingt das Instrument, das Eltern sich für ihre Kinder wünschen.
LM: Das ist schade.
AKB: Nicht, weil es nicht schön wäre, sondern weil es mit „Geräusch verbunden“ ist. Wie war es bei Ihnen?
LM: Mein Vater war Musiker, also gab es das Problem nicht. Außerdem wohnten wir in einer Villa und ich hatte den Keller für mich ausgebaut. Ich habe eigentlich Klavier und Gitarre gespielt, aber als ich vierzehn war, fehlte in einer Band der Schlagzeuger. Und ziemlich schnell hat mich der Jazz nicht mehr losgelassen, denn das war gerade für mein Instrument virtuoser.
AKB: Das heißt, Sie sind in einer musikalischen Umgebung groß geworden?
LM: Ja, meine Mutter hat mir nie Märchen erzählt, sondern mein Vater hat mir etwas vorgegeigt.
AKB: Auch ungarische Volksmusik?
LM: Ja. Aber das hatte mit volkstümlicher Musik von hier nichts zu tun. Das ist eine furchtbar ähnliche Terminologie, Volksmusik und volkstümliche Musik. Es gibt natürlich wertvolle deutsche Volksmusik. Das hat aber mit dieser akustischen Umweltverschmutzung volkstümliche Musik nichts zu tun.
AKB: Hat Sie denn die authentische ungarische Volksmusik beeinflusst?
LM: Unbedingt. Jedes Kind in Ungarn fängt mit Bartóks Mikrokosmos an. Meine Kinder auch. Die Moll-Schwere der ungarischen Musik ist aber sicherlich in mir. Ich wollte übrigens nie Musiker werden. Das war vorgegeben, weil mein Vater das so wollte. Ich wollte eigentlich Dichter werden und habe mit sechzehn einen Jugendliteraturpreis gewonnen. Mit vierzehn habe ich gedacht: „Die Mädels kommen schon sehr gerne zur Schulband, wenn ich spiele, aber eigentlich werde ich Dichter.“ Aber das hatte sich dann erledigt, als ich emigrierte und im Zentrallager für Asylbewerber Emigrantenliteratur gelesen habe. Es ist furchtbar, wenn Menschen in ihrer Muttersprache schreiben, aber nicht in ihrer sprachlichen Umgebung leben. Ganz verkümmert ist meine poetische Ader aber noch nicht, weil ich ja immer noch die Texte zu meinen Kompositionen schreibe. Und ich bin heute heilfroh, dass ich Musiker geworden bin, das ist ein großes Geschenk.
AKB: Wie kamen Sie in Ungarn eigentlich an Musik, an Schallplatten?
LM: Sie müssen sich das so vorstellen: In einer Großstadt mit 2,2 Millionen Einwohnern bekommt man EIN Jethro Tull Album. A Passion Play, das werde ich nie vergessen, war die erste Vinylschallplatte, die ich auch in Händen hielt. Nach der Revolution 1956 hatten zwar ein paar Leute eine Genehmigung bekommen, Kleingewerbe zu betreiben. Und da war ein Schallplattenladen, wo man für horrende Summen – zwei Monatsgehälter – vielleicht mal ein Elvis-Presley-Album kaufen konnte. Gewöhnlich allerdings wurde eine Platte eingeschmuggelt, und wenn man eine vierte oder fünfte Generation des Mono-Tonbands von einer tschechischen Tonbandmaschine bekommen hatte, war man der König. Kaufen konnte man das eh nicht.
AKB: Gab es denn dann trotz der mangelnden Einflüsse aus dem Westen eine Jazzszene in Ungarn?
LM: Natürlich. Im östlichen Mitteleuropa war Jazz eine ganz wichtige kulturelle Basis. Das war die musikalische Artikulation der Opposition. Deshalb war bei Honecker Jazz verboten, war bei Stalin Jazz verboten und auch bei Hitler. Und die feindlichste Art, das, was die Diktaturen in den 70ern am meisten bedrängt hat, war die Musik, die ich am liebsten gespielt habe und heute noch spiele: Jazzrock. Weil Jazzrock auch noch intellektuelle Texte hat, und die Musiker, die das gespielt haben – auch im Westen –, immer auch gesellschaftlich etwas anstoßen wollten. Das erzeugt Bewegung, folglich ist man gefährlich für Diktatoren. Viele Jahrzehnte später, als ich mich mit Michail Gorbatschow angefreundet hatte und er bei mir hier saß, sprachen wir über Musik und die Bedeutung von Rockmusik. Und da sagte er: „Weißt du, László, wir konnten ja viel verbieten. Wir haben keine Tageszeitungen, keine Magazine reingelassen. Wir haben auch kein Fernsehen erlaubt. Pop haben wir gefördert, das war ja einfach nur ‚Lucky, I love you’. Aber was wir nicht verbieten konnten und was uns am meisten Probleme bereitet hat, das war Rockmusik. Intellektuelle Rockmusik. Jazzrock.“ Und mir ging es im Jazzrock ja wirklich darum, dass man einen Weg findet, gesellschaftspolitische Bewegungen mit Musik zu erzeugen; denkende, fühlende Schichten anzusprechen, die auch Bewegung erzeugen wollen.
AKB: Das heißt, Sie waren Staatsfeind Nr. 1?
LM: Sagen wir mal so: Sie haben mich 17 Mal von der Bühne geholt und verurteilt. Und in der Verurteilung stand dann: Anstiftung gegen die Staatsgewalt mit künstlerischen Mitteln. Aber, mein Gott, Musik gibt dir die Möglichkeit, etwas in Bewegung zu setzen.
AKB: Und haben Sie das bis heute bewahrt, dass Sie mit Ihrer Musik eine Botschaft transportieren möchten? In den letzten 10, 20 Jahren hat sich die Musikszene doch dahingehend geändert, dass es immer weniger um eine Botschaft geht.
LM: Natürlich. Bis Mitte der 70er waren die Botschaften sehr sehr wichtig. Für all diese Bands, von Pink Floyd bis Deep Purple, von Jethro Tull bis Frank Zappa. Später, als Musik sich industrialisieren ließ, vor allem in den 80ern, 90ern, als die Boybands aufgekommen sind, da war es produzierte Musik. Darunter ist auch sehr viel gute Musik, das ist nicht der Punkt. Aber Musik wurde industrialisiert. Da ging es nicht mehr um die Bewegung, da ging es um ein Industrieprodukt. Das teilweise gut, teilweise schlecht, teilweise mittelmäßig ist. Und mal gut, mal schlecht, mal mittelmäßig vermarktet wird. Das liegt in der Natur der Sache.
AKB: Aber mussten Sie denn zwischendrin nicht auch ans Geldverdienen denken?
LM: Ich glaube, wenn wir Ihre Leser bitten würden: „Leute, jeder schickt bitte seine imaginativen hundert Songs, die er auf eine einsame Insel mitnehmen würde“, da würden wir ganz schnell feststellen, dass kein einziger dieser Songs jemals mit Dollarzeichen im Auge geschrieben wurde. Sondern da hat jemanden die Muse geküsst: „Hey, mach was Interessantes, was Spannendes.“
AKB: Aber wie schwer ist es denn im Laufe der Jahre für Sie gewesen, sich mit Ihrer Vorstellung von Musik, Ihrem Anspruch zu behaupten, dass Musik mehr ist als nur Unterhaltung?
LM: Ich habe das für mich getrennt. Natürlich trägt man als Bandleader, als Musiker, aber auch als Vater Verantwortung. Und dann ist immer die Frage, wie man diese Verantwortungsethik lebt. Wo macht man Kompromisse im Leben, wo nicht? Ich habe kein ausgeprägtes Talent, Kompromisse zu machen in der Musik, die ich für richtig halte. Deshalb wählte ich einen anderen Weg: Ich bin musikalischer Dienstleister mit allergrößtem Engagement und schreibe mit viel Liebe zum Detail und sehr engagiert für meine Auftraggeber Kompositionen. Aber auch bei Journalisten gibt es Artikel, die in der Schublade sind und dann im eigenen Magazin veröffentlicht werden. Und so ist das bei mir auch. Das ist dann eine völlig ungeschminkte, nicht zweckgebundene Emotionalisierung durch Musik, das ist dann die Musik.
AKB: Wie bei Ihrem Soulmates-Projekt?
LM: Bei den Soulmates handelt es sich um eine reine Wertegemeinschaft. Liebe zur Musik und Daseinslust. Das ist eine sehr auf Gemeinsamkeit ausgerichtete Thematik. Da ist keiner dabei, den wir nicht voller Inbrunst lieben würden.
AKB: Und wie muss ich mir Aufnahmen etwa für Ihr Album Thank You! vorstellen: Sie sind dann alle gemeinsam hier im Studio?
LM: Ich verschicke zunächst die Noten ...
AKB: Und jeder übt brav zuhause? Schimpfen Sie dann auch manchmal und sagen: „Al, was machst du hier? Falscher Akkord“?
LM: Nein, das muss ich nicht. Das sind Götter an ihren Instrumenten. Aber ich verschicke das schon, damit sie wissen: Der Stoff ist schwer. Aber das wissen sie sowieso (lacht). Und dann kommen wir zusammen und spielen das 2, 3 Mal ein. Korrigieren kann man nicht, da wir rein analog aufnehmen. Diese Musik, wissen Sie, ist so etwas wie ein mit Füller geschriebener Liebesbrief. Keine Liebeserklärung per SMS. Und wenn man was vermasselt hat, muss man es durchstreichen. Das genieße ich!
AKB: Wie sind Sie denn mit den ganzen Musikern in Kontakt gekommen? Haben Sie einfach angerufen und gesagt: „Hör mal zu ...“
LM: Na, so läuft das ja nicht (lacht). Wir kennen uns dadurch, dass ich nach Amerika gegangen bin. Ich habe angefangen, mit Al di Meola zu spielen, dann mit den Jungs von Blood Sweat & Tears, dann mit den Jethro-Tull- und den Toto-Jungs. Das eine hat das andere ergeben. Das ging über Mundpropaganda: „The crazy Hungarian guy from Bavaria. A great drummer and composer. And also producer.“ Ich musste ja ein zweites Mal in meinem Leben auswandern. Durch diese Kumulation von sprachlichen Missverständnissen war ich ja kurzfristig Popstar. Und anschließend hat mich keine Sau mehr ernst genommen. In den Jazzclubs, wo ich bis dahin gespielt habe, haben die Leute mich kaum noch küssen wollen. Was ich in gewisser Hinsicht auch verstehen kann... Und ich war ja nicht zum Popstar geboren, das bin ich nicht.
AKB: Kennen die Soulmates Dschingis Khan überhaupt?
LM: Das war süß: Vor drei Jahren waren wir in China, und Ian Anderson und Al di Meola haben auf Youtube einen Dschingis-Khan-Auftritt ausgegraben. Dann haben sie mich angerufen: „Wir wollen eine Bandbesprechung im Zimmer von Al abhalten.“ Da saßen dann Ian Anderson und Bobby Kimball von Toto vor dem Notebook: „What the fuck is that?!?“ (Gelächter)
AKB: Aber sie spielen noch mit Ihnen? Sie sind nicht daraufhin ausgeschlossen worden?
LM: Nein. Sie haben gelacht, weil sie wissen, dass ich ein schrecklich schlechter Geschäftsmann bin. Einfach weil mich Geld noch nie fasziniert hat. Ian sagte: „Normalerweise würde man sagen: ‚Du warst jung und brauchtest das Geld.’ Aber so wie ich dich kenne, hast du damit kein Geld verdient!“ Und so ist es auch (lacht). Aber es war eine wilde Zeit und es ist ein kurzer Teil meiner Biographie.
AKB: Aber der Kajal stand Ihnen gut! Haben Sie es denn geschafft, das Trauma von Dschingis Khan zu überwinden?
LM: Ich erlebe es so: Kein Mensch hat mich jemals auf Dschingis Khan angesprochen, sondern auf Disney oder die „50 Jahre Rock“-Geschichte mit Gottschalk. Ich habe sehr positive Erfahrungen. Früher, sehr viel früher, da hatte ich schon eine Phase, wo ich meiner Presseagentin gesagt habe: „Entweder lassen die Journalisten die Frage, oder es gibt kein Interview.“ Ich schäme mich ja nicht dafür, aber es geht darum, dass ich nicht darauf reduziert werden wollte.
AKB: Es ist ja nicht wie bei einem Schauspieler, der eine Vergangenheit als Pornodarsteller hat.
LM: Das haben ja die meisten. (Gelächter) Ich kenne auf die Schnelle fünf berühmte deutsche Schauspieler, die laut eigener Erzählung Pornodarsteller waren. Nur: Porno bleibt an niemandem kleben, dazu müsste der Journalist das selbst gesehen haben. Und das will ja keiner zugeben. Wenn ich jemals Porno gemacht hätte – habe ich leider nicht –, dann wäre es ja nicht schlimm gewesen, weil sich niemand getraut hätte, das anzusprechen. Porno wäre nicht so schlimm gewesen – Dschingis Khan war schlimmer. Das hat ja jeder gesehen! Aber die Medien funktionieren eh so komisch. Zum Beispiel der Kretschmann, der neue Ministerpräsident von Baden-Württemberg, ist ein interessantes mediales Phänomen. Der Kerl wird immer gezeigt als Rosenzüchter und Kirchgänger, total spießig. Aber der Kerl war acht Jahre lang in der kommunistischen Partei, also war für Zensur, für Folter, für Erschießung, für Bespitzelung. Oder Gregor Gysi, der immerhin als promovierter Jurist einer Partei beitrat, die Zensur in ihrem Parteiprogramm hatte – der SED –, hat einen Welpenschutz, weil er so sympathisch und so belesen ist. Und so knuddelig.
AKB: Aber aus der Erfahrung sollte man wissen, dass klein gefährlich ist.
LM: Es gibt immer solche Medienphänomene in Deutschland. Aber ich glaube, wir haben ein sehr gesundes musikalisches Grundverständnis in unserem Land. Und ich glaube, ich habe diese Problematik mit Dschingis Khan – so empfinde ich das zumindest – heute überstanden.
AKB: Wie finden eigentlich Ihre Eltern Ihre Musik?
LM: Mein Vater verstarb leider, als ich 16 war. Meiner Mutter ist das in der Zwischenzeit einfach zu strange. Für sie übertreibe ich meinen Anspruch einfach: „Jetzt hast du wieder 14-Minuten- oder 17-Minuten-Stücke geschrieben...“
AKB: Aber eine Wagner-Oper dauert, je nach Dirigent, 5 oder 6 Stunden.
LM: Das ist auch immer meine Standard-Antwort! (Gelächter)
AKB: Ist sie denn trotzdem stolz auf Sie?
LM: Ja.
AKB: Und sind Sie selbst stolz auf sich?
LM: Nein. Ich freue mich, dass ich dieses Privileg habe, und dass all diese Musiker meinen Verrücktheiten folgen. Es ist ein Geschenk des Lebens. Aber Stolz ist etwas anderes. Ich bin stolz auf meine Kinder, weil sie alle diesen Anspruch in sich tragen, dass Talent auch verpflichtet. Denn schlussendlich hat von Humboldt ja Recht gehabt: Das einzige, was wirklich interessant ist, ist die Energie.
DISKOGRAPHIE (Auswahl)
Man Doki Soulmates
Thank You!
2010 Sony Music
EAN 0886978140524
Man Doki Soulmates
Aquarelle
2009 Sony Music
EAN 0886975660629
Man Doki Soulmates
Soulmates Jazz Cuts
2003 Sony Music
EAN 5099751112020


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