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Freitag, den 15. April 2011 um 12:01 Uhr

YELLO - EIN GEBRÜLLTES HALLO

Sie sind die Helden der Elektronika-Szene, mit ihrer Titelmusik zu Formel Eins einer ganzen Generation unvergesslich, und ihre Musik dient immer wieder als Labor für DJs und andere Soundjäger.

audiophil.deDieter Meier und Boris Blank, die beiden Eidgenossen, die sich Ende der Siebzigerjahre aufgemacht haben, die Musikwelt zu erobern: Auf ihrer Anthology lassen sie die letzten dreißig Jahre Yello ( A yelled Hello) Revue passieren. Grund genug, Dieter Meier, den Rhetoriker der Band, und den nach eigenen Angaben verhaltenen, scheuen Musiker im Hintergrund, Boris Blank, getrennt voneinander zu befragen:

Ann Kathrin Bronner: Dieter, bevor Sie zu Yello gekommen sind, haben Sie eine Zeitlang als Punksänger „fungiert“.

yelloDieter Meier: Ja, ich war Gastsänger in verschiedenen Formationen. Das war sehr anarchisch und unstrukturiert. Die Auftritte waren sehr improvisiert und gingen oft auch total daneben. Manchmal war das ganz lustig. Ich habe zum Beispiel in einem nicht existierenden Suaheli-Dialekt gesungen, eher Laute und Rhythmen von mir gegeben, und nur ganz wenig nachvollziehbare Texte.

AKB: Aber Rhythmus und Geräusche, das passt doch ganz gut zu Yello!

DM: Ja, schon, aber das ist dann die Domäne von Boris. Ich habe auch nicht wirklich eine Begabung als Sänger, höchstens eine gewisse rhythmische Begabung, und nutze meine Stimme eher als Erzähl- und Rhythmusstimme. Ich kann keine komplizierten Melodien über mehrere Oktaven, sondern eigentlich nur das singen, was ich mit diesen einfachen Melodiebögen in die Klangbilder von Blank hinein erfinde. Mittlerweile haben die Songs allerdings zwar zum Teil limitierte, aber doch klare Lyrics.

AKB: Haben die Texte auch eine Aussage? Muss für Sie ein Songtext überhaupt eine Aussage haben?

DM: Ja! Ein guter Songtext ist ein Songtext, der eine bestimmte Befindlichkeit sehr klar auf den Nenner bringt. Zum Beispiel in Oh Yeah gibt es eine totale blödsinnige Zufriedenheit an dem, was einem grade passiert. Einfach ein wunschloses Glück. Dieser Song wurde ja auch oft in Filmen verwendet, um eben das auszudrücken. Und auch im Yankee Stadion in New York: Bei einem Homerun spielen sie Oh Yeah, und das ganze Stadion singt mit.

AKB: Boris Blank kreiert ja die Klangbilder, Sie selbst kommen irgendwann später dazu und liefern die Stimme. Wünschen Sie sich manchmal einen gemeinsamen kreativen Prozess, von Anfang an?

DM: Überhaupt nicht! Der Prozess von Boris ist egoman und unantastbar. Eben wie ein Maler, der nicht will, dass man ihm über die Schulter schaut, wenn er seine Bilder erfindet. Und ich habe auch überhaupt kein Bedürfnis, das zu tun.

AKB: Aber wie können Sie sich erklären, dass Sie seit über 30 Jahren gemeinsam erfolgreich sind und immer wieder auch neue Fans gewinnen?

DM: Ich glaube, das hängt einerseits damit zusammen, dass Boris eben KEIN Kompositionsschema hat, sondern sich als Maler dem Bild ausliefert. Ein Pinselstrich ergibt den nächsten, und es entsteht dann am Schluss ein Bild, das ihn selber überrascht wie ein Kind, das im Sandkasten eine Burg baut. Und für mich ist es wie der Soundtrack zu einem Film, für den ich dann Figuren und Bilder immer wieder spontan und in sehr kurzer Zeit neu erfinde, weil für mich die Klangbilder eben so inspirierend sind.

AKB: Wann und warum haben Sie den Weg als Künstler gewählt?

DM: Das war eigentlich ein Ausschlussverfahren anderer Dinge. Ich wollte gar kein Künstler sein oder werden, aber die anderen Dinge haben mich nicht interessiert. Ich war ganz verzweifelt, weil ich nicht wusste, was ich mit mir anfangen soll. Ich bin dann in die Sucht des Pokerspiels eingetreten, das einem ja die Geborgenheit der Sinnstiftung gibt, weil man die ganze Zeit in einem Boxring steht und dort überleben muss. Und habe dann ganz allmählich, eigentlich fast zufällig, angefangen Dinge zu tun, die man irgendwie im Entferntesten als einen Kunstversuch darstellen könnte. Meine ersten Sachen habe ich mit einer 16mm-Kamera gemacht, die den Vorteil hatte, dass man nicht unmittelbar mit dem konfrontiert ist, was man tut, weil es ja in dieser dunklen Büchse stattfindet und man erst Tage später den Film zurückbekommt. Sonst ist alles, was ich angefangen habe – Schreiberei und was immer – mir sozusagen als Ausdruck des Ungenügens wie Sand zwischen den Fingern zerronnen, und ich habe nie irgendetwas zustande bekommen. Der Film hat für mich also fast eine therapeutische Bedeutung gehabt.

AKB: War das auch die Suche nach Anerkennung und Aufmerksamkeit?

DM: Nicht wirklich. Ich habe ja Dinge getan, meine ganzen Straßenstücke, die ich gemacht habe, die ausgesprochen leer und nichtssagend waren und sich eben nicht dem Postulat Kunst kommt von Können stellten. Mein erstes „Kunststück“ war, dass ich mir auf einem öffentlichen Platz 100.000 kleine Würfel habe abgießen lassen und diese eine Woche lang acht Stunden täglich in Tüten à Tausend abgezählt habe. Das war dumm, leer und nichtig. Aber es war da, sozusagen völlig nackt, weil ich es wollte. Und deshalb hat es existiert. Aber mit diesen Sachen konnte man ja nicht damit rechnen, dass man als Künstler anerkannt wird. Lustigerweise und zu meiner Überraschung ist es dann passiert, dass ich tatsächlich schon früh in meinem Leben Ausstellungen hatte. Aber das war ganz sicher nicht intendiert. Ich hatte auf der Documenta und in Museen Einzelausstellungen, wo ich gar nicht wusste, was ich überhaupt ausstellen soll. Ich glaube, Kunst kann man auf zwei Arten definieren: Entweder wenn jemand Kunst machen will, dann ist es eigentlich Kunst. Oder: Kunst berührt Dich, Deinen Geist, dort, wo du sonst so nicht berührt wirst.

Ann Kathrin Bronner: Boris, Sie tüfteln den ganzen Tag im Studio an Sounds, und irgendwann später kommt der Text hinzu. Das stelle ich mir sehr schwierig vor.

Boris Blank: Für mich ist es wichtig, dass ich im Studio vor allem Ruhe habe. Dass ich in Abgeschiedenheit, in Klausur eines Mönchs, fast schon meditativ, an meine Arbeit herangehen kann.

AKB: Aber woher weiß Dieter Meier, in welche Richtung ein Titel geht? Kann es auch sein, dass der Text von Dieter ganz anders ist als das, was Sie sich vorgestellt haben? Es gibt ja keinen gemeinsamen Entstehungsprozess.

BB: Wenn das Klangbild fertig ist, lade ich Dieter ein, damit er durch diese Soundlandschaft oder durch dieses Soundgebäude, das ich gebaut habe, quasi als Protagonist hindurchgehen kann. Meistens haben die Stücke ja eine Stimmung, eine Atmosphäre. Und innerhalb dieser Atmosphäre erfindet er dann seine Geschichten, die natürlich zu meiner Musik passen. Das ist schon ein bisschen vorgegeben, hat gewisse Strukturen. Und ich bin auch eine Art Regisseur für ihn, führe ihn ein, denn ich kenne ja das Bild sehr gut und weiß, wo Platz ist und welche Stimmung eben auch vom Gesang kommen kann. Das klappt nicht immer, oftmals gibt es ein paar Reibereien. Aber letztlich muss es ja eine gewisse Homogenität geben, dass das Stück nicht einfach überpinselt wird und es letztlich ein Gesamtstück wird.

AKB: Ist Ihre Musik denn absolute Musik, oder entsteht sie immer in Verbindung mit Bildern?

BB: Es sind natürlich nicht immer nur die Bilder. Was an meiner Musik auch ganz wichtig ist, ist der Rhythmus. Wie der Herzschlag eines Menschen. Auch Rhythmus kann eine Stimmung äußern. Aber ich denke schon, dass sehr viele Sachen, die ich mache, zur Bildhaftigkeit neigen.

AKB: Und was ist die Keimzelle? Der Klang, der Rhythmus, die Melodie? Text wohl eher nicht, vermute ich stark.

BB: Ich denke, weniger die Melodie als der Klang. Und dann die Rhythmik, die mit diesem Klang verbunden wird. Das können mannigfaltige Ideen sein, die ich dann zu einem Gesamtbild zusammenfüge, das eine Stimmung äußert, die für mich wichtiger ist als die Melodie.

AKB: Schreiben Sie überhaupt etwas auf, oder entsteht alles direkt am Computer?

BB: Das entsteht eigentlich alles ziemlich spontan: Es ist zuerst eine Idee da. Dann kommt eine zweite dazu, bis dann, oftmals auch durch Zufälle, ein Bild entsteht. Wenn ich die ersten Konturen spüre oder sehe, verfolge ich natürlich dieses Bild, so dass es am Schluss eine Gesamtform gibt. Aber es ist schon so, dass ich ein Mensch bin, der sich auch durch den Zufall führen lässt. Ich bin da wie ein Kind, das sich selber immer wieder überrascht mit neuen Sachen, die dazukommen. Oder wie ein Eichhörnchen, das überall Nüsse vergräbt und ein Riesen-Depot an verschiedenen Orten hat. Bei mir am Computer sind es Ordner, in denen ich ganz viele Versatzstücke und Patterns habe oder auch nur eine Idee von einem Klang. Und ich habe schon fast so ein Gedächtnis wie ein Eichhörnchen, dass ich weiß: „Ah, zu diesem Titel habe ich doch da ein Stück, das würde passen!“

AKB: Ich hoffe nur, dass es bei Ihnen nicht wie bei Eichhörnchen ist, die manche Nüsse nicht wiederfinden – nicht, dass dann Klangbäume aus dem Computer wachsen!

BB: Man hat ja herausgefunden, dass die Eichhörnchen immer genau wissen, wo sie diese Nüsse vergraben haben und das Ablaufdatum der Nüsse kennen. Sie fangen also wirklich da an, wo die ältesten sind, und räumen das Feld von hinten ab, so dass der Verlust aufgrund des Ablaufdatums nicht zu groß ist.

AKB: Zum Glück gibt es bei der Musik von Yello kein Ablaufdatum, sonst würdet ihr nicht schon seit über dreißig Jahren gemeinsam Musik machen! Habt ihr eigentlich in der Zwischenzeit immer wieder neue Fans dazugewonnen? Oder gibt es einen festen Stamm, der sehnlich darauf wartet, dass das nächste Yello-Album herauskommt?

BB: Ich glaube das eine und das andere. Aber ich denke schon, dass Yello eine gewisse Fangemeinde hat – zum Glück –, und die ist auch mit uns älter geworden.

AKB: Ich habe ja den Eindruck, dass es mehr männliche als weibliche Yello-Fans gibt.

BB: Das stimmt. Ich weiß nicht, was das ist. Unsere Musik hat wohl irgendetwas Maskulines. Lustigerweise wurden wir auch sehr oft – und auch heute noch – in Schwulenclubs gespielt. Fest steht: Es sind viele Männer. Ich würde sagen, 20 Prozent Frauen und 80 Prozent Männer.

AKB: Ich kann mir das schon erklären: Männer spielen, basteln, tüfteln gerne.

BB: Vielleicht haben Sie Recht, dass Männer Bastler sind und Frauen wahrscheinlich eher romantische Musik oder klassische Musik mögen. Wobei: Kinder, muss ich sagen, lieben unsere Musik auch. Es gibt wohl etwas in der Musik von Yello, das ein bisschen kindlich ist. Es kommt etwas Spielerisches darin vor, das Kinder auch gerne hören.

AKB: Bei Kindern ist natürlich auch diese Neugier, dieses Interesse an Klängen generell da, so dass sie auf alles klopfen, trommeln, selbst Geräusche machen.

BB: Das mag sein, ja. Diesen Aspekt höre ich zum ersten Mal, aber das macht Sinn!

AKB: Haben Sie denn als Kind auch gerne Geräusche gemacht?

BB: Ganz klar! Ich habe Geräusche unheimlich gerne gehabt. Ich klopfe auch heute noch an alle Wände, um zu hören, wie sie resonieren. Und wenn ich in den Bergen bin, schreie ich an die Felswände, um zu hören, wie lange das Echo ist. In jedem Badezimmer, in dem ich mich befinde, suche ich die Eigenresonanz des Raumes heraus, indem ich die Tonhöhe meines Summens und meines Brummens steigere (brummt zur Demonstration). Auch heute noch faszinieren mich alle Umweltgeräusche, und alles, was ich um mich herum sehe und höre, wird irgendwie als Klang verwendet.

AKB: Ist das der Grund, warum elektronische Instrumente so einen Reiz auf Sie ausüben? Weil Sie dadurch die Unendlichkeit der Klangmöglichkeiten haben, wohingegen ein klassisches Instrument klanglich begrenzt ist?

BB: Ich denke schon, dass das ein Aspekt ist. Und ich kann vor allem aus meiner riesigen Bibliothek, die ich von früher noch habe, als ich wirklich Tonjäger war, immer noch Klänge recyceln. Mit den neuen digitalen Bearbeitungsmethoden kann ich da natürlich ganz andere Sachen draus machen. Und das ist schon sehr reizvoll. Das ist wie ein Wissenschaftler, der mit einem Rastertunnelmikroskop in eine molekulare Struktur einer scheinbar glatten Oberfläche hineingeht und diesen Makro-Mikro-Kosmos dann manipuliert und umzugestalten versucht. So arbeite ich mit Klängen. Das ist eine Abteilung der Musik, die mich total fasziniert: Die Geräusche, die herauskommen und völlig neu sind, weil ich sie ja selber gemacht habe.

AKB: Was hat Sie eigentlich zur elektronischen Musik gebracht?

BB: Sextant von Herbie Hancock: Das war für mich ein Schlüssel-Erlebnis. Er hat mich animiert, auch mit elektronischer Musik zu arbeiten. Und ich glaube, man kann die Computerwelt respektive die elektronische Welt beseelen. Das war schon immer mein Wunsch und auch mein Wille, ganz im Gegensatz zu Kraftwerk. Die wollten Roboter sein und von dieser elektronischen, scheinbar kalten Welt gespielt werden. Ich will diese Oszillatoren und diese scheinbar kalten Instrumente beseelen und ihnen etwas entlocken, was dann doch wieder menschliche Züge hat.


INFORMATIONEN
www.yello.com

BIOGRAPHIE
1978 Die Schweizer Boris Blank und Carlos Perón experimentieren in Zürich mit Klängen und Geräuschen.
1979 Mit Dieter Meyer als Sänger wird aus dem Duo das Trio Yello; die erste Single, I. T. Splash, wird veröffentlicht.
1980 Yello reisen in die USA und erhalten einen Plattenvertrag; ihr erstes Album Solid Pleasure mit dem Hit Bostich erscheint; Dieter Meier dreht seinen ersten Spielfilm Jetzt und alles, an dessen Soundtrack Yello beteiligt sind.
1983 Nach Erscheinen des dritten Albums You Gotta Say Yes… verlässt Carlos Perón die Band, um sich seiner Solokarriere zu widmen.
1985 Stella mit den Singles Vicious games, Desire und Oh yeah markiert den endgültigen internationalen Durchbruch.
1987 Das Album One Second präsentiert Shirley Bassey und Billy Mackenzie als Gastsänger.
1988 The Race entert die Radio-Charts und ist bis heute der größte Yello-Erfolg.
1991 Dieter Meier gründet das Plattenlabel Solid Pleasure, um junge Musiker zu unterstützen; Baby erscheint.
1994 Yello veröffentlichen ihr achtes Studioalbum Zebra.
1995 Hands On Yello mit 13 Remixes alter Yello-Songs von Jam & Spoon, Cosmic Baby, Westbam u.a. erscheint als Hommage an Yello.
1997 Yello erhalten den Kunstpreis der Stadt Zürich.
2005 Als Teil der Yello Remaster Serie erscheinen Re-Releases von Solid Pleasure, Claro Que Si und anderen frühen Alben, alle mit raren Bonustracks; im September wird in Zürich die Dokumentation Electro Pop made in Switzerland präsentiert.
2007 Das Duo liefert den Soundtrack für den Audi-A5-Launch in Genf und für die Werbekampagne.
2009 Am 2. Oktober erscheint Touch Yello mit Gastmusiker Till Brönner und der Schweizer Sängerin Heidi Happy und wird am Tag zuvor in einem Berliner Kino mit einem „virtuellen Konzert“ vorgestellt.
2010 Am 5. November werden zeitgleich Yello by Yello – The Anthology und Yello By Yello – The Singles Collection 1980-2010 als Retrospektive auf 30 Jahre Yello veröffentlicht.


DISKOGRAPHIE (Auswahl)

Yello By Yello. The Anthology Box
2010 Universal
EAN 0602527531595 (3 x CD + DVD)

Yello By Yello. The Singles Collection 1980-2010
2010 Universal
EAN 0602527531564 (CD + DVD)

Touch Yello
2009 Universal
EAN 0602527194851

Hands On Yello
2005 Universal
EAN 0731452738325

Stella
1985 / 2005 Universal (Reissue)
EAN 0602498307595

You Gotta Say Yes To Another Excess
1983 / 2005 Universal (Reissue)
EAN 0602498307601

Solid Pleasure
1980 / 2005 Vertigo (Reissue)
EAN 0602498309049

 

Quelle: audiophil.de

Zusätzliche Informationen

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