Die Klassikwelt jubelt: Endlich gibt es im erlauchten Kreis der Spitzentenöre wieder einen Italiener. Nun soll Vittorio Grigolo Caruso, Beniamino Gigli und Luciano Pavarotti beerben.
Und auch Vittorio Grigolo kann jubeln: Gerade wurde bekannt, dass er einen begehrten ECHO Klassik 2011 in der Kategorie Gesang als Nachwuchskünstler des Jahres erhalten wird. Die Preisverleihung wird am 2. Oktober 2011 in Berlin stattfinden.
Vor lauter Jubel hat die sonst so kritische Operngemeinde sogar Vittorio Grigolos Ausflug in die seichte Unterhaltungsmusik, wenn nicht schlicht ignoriert, so doch verziehen. Das „Popera“-Album In The Hands Of Love verkaufte sich über 700.000 Mal, erreichte in Großbritannien und Australien Platinstatus: Zahlen, die er mit The Italian Tenor wohl nie wird erreichen können. Damals ist er 26, für eine Jugendsünde etwas zu alt. Seine Erklärung: „Ich war jung, hatte zehn Jahre in allen Theatern in Italien und Europa gesungen und längst bewiesen, dass ich ein Opernsänger bin. Ich wollte mit Menschen in meinem Alter kommunizieren, sie ansprechen, damit sie mich eines Tages auch in der Oper sehen wollen.“
Denn der Sänger ist fest davon überzeugt, sein Pop-Publikum zur Oper bringen zu können. Seiner Meinung nach haben die zehn wirklichen Opernkenner, die es gibt, und die hunderttausend Popfans, die auf diese zehn Connaisseure kommen, einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Ein Song, der allen gefällt. Eine gemeinsame Melodie, die die Brücke zwischen ihnen ist. Ein Titel, der Menschen dazu bringen kann, bisher unbekannte Türen aufzustoßen, um so Oper kennen- und lieben zu lernen. „Menschen gehen nicht aus dem Grund nicht in die Oper, weil sie ihnen nicht gefällt, sondern weil sie den Zugang zur Kultur nicht haben. Für mich ist es daher wichtig, bereits Kindern klassische Musik und Oper nahe zu bringen. Nicht erst mit 14, 15 Jahren. Dann sind sie in einer Umbruchphase und werden nie wieder zurückkommen. Aber wenn sie davor Zugang zu Kultur haben, besteht die Möglichkeit, dass eines Tages eines dieser Kinder zu diesen Zehn gehört.“
Auf seinem aktuellen Album The Italian Tenor hat Grigolo die Höhepunkte der italienischen Opernliteratur versammelt, und natürlich findet man in jeder Oper Arien, die jeder kennt und mitträllern kann. Aber eine Oper besteht eben nicht nur aus diesen Straßenfegern, sondern kann ganz schön lange werden, wenn man nie zuvor eine Oper gesehen hat. Und wenn man an Drei-Minuten-Songs gewöhnt ist. Vittorio Grigolo vergleicht das – wie könnte es bei einem Italiener anders sein – mit Essen: „In einem guten Restaurant möchten Sie wissen, was als nächster Gang kommt und das gesamte Menu kosten. In einem schlechten Restaurant fragen Sie nach der Vorspeise nach dem Kaffee und gehen. Natürlich verlassen Sie auch das gute Restaurant nach einem Gang, wenn die Portion zu groß war. Aber wenn Sie von allem nur ein bisschen haben, werden Sie fünf Gänge essen.“ Eine Oper darf also nicht zu schwer sein, wenn jemand das gesamte Menu testen soll. Um drei, vier Akte auszuprobieren, empfiehlt er leichte Kost. L’elisir d’amore zum Beispiel. Oder etwas zum Lachen wie Gianni Schicci. „Nehmen Sie sie nur nie mit zu Rossinis Ermione. Sie werden nie zurückkommen. Lassen Sie uns leicht verständliche Opern mit großartigen Künstlern auf höchstem Niveau nehmen und Kinder damit füttern!“
Er selbst ist schon früh mit Kultur und Musik gefüttert worden. Seine Kindheitserinnerungen sind geprägt von einem Vater, der unter der Dusche Opernarien schmettert, von Mina, Lucio Dalla, Adriano Celentano und Baglioni. Seine ersten Gesangsversuche unternimmt er zu L’italiano (Lasciatemi cantare) von Toto Cutugno, bevor er eine umfassende klassische Ausbildung im Chor der Sixtinischen Kappelle in Rom erhält. Aus dieser Zeit rührt auch seine Liebe zu Auftritten in Kirchenkonzerten: „Ich habe viel in Kirchen gesungen. Hier fühle ich mich sehr wohl. Ich liebe die Akustik. Ich habe quasi meine gesamte Kindheit in Kirchen verbracht, mit Orgel und Harmonium. Für mich ist es immer, als ob ich zuhause singe.“ Doch das ist nicht das einzig Positive, das er aus seiner Zeit als Chorknabe gezogen hat. Die wichtigste Lektion war, teilen zu lernen: „Im Chor sind Sie kein Solist. Sie müssen Teil des Chors werden. Sie müssen Ihre Stimme mit den anderen Stimmen verschmelzen. Der schönste Chorklang ist immer der, wenn ein einheitlicher Klang entsteht. Wenn achtzig Sänger gemeinsam singen, es aber so klingt, als ob eine Person singt.“
Doch schnell kristallisiert sich heraus, dass in Rom ein „Piccolo Pavarotti“ heranwächst, dessen Zukunft nicht im Chor liegt, sondern auf den eine Solistenlaufbahn wartet. Mit 13 Jahren debütiert er in der Rolle des Pastorello in Tosca am Teatro dell’Opera di Roma, wo Luciano Pavarotti auf ihn aufmerksam wird. Seine weitere Karriere geht er stetig, aber mit Bedacht an, singt an italienischen Opernhäusern und in Zürich, sammelt Bühnenerfahrung und vergrößert sein Repertoire. Seinen endgültigen Durchbruch schafft er im Juni 2010, als er in Covent Garden an der Seite von Anna Netrebko in Manon für den erkrankten Rolando Villazón einspringt. Seine große Stärke: Er identifiziert sich zu einhundert Prozent mit seiner Rolle; denn Musik ist für ihn Teil eines wunderbaren Wegs, sich selbst auszudrücken. Und so verwundert es fast nicht, dass er auf die Frage, ob er denn allen Ernstes als Duca di Mantova zu Bett gehe, lachend antwortet: „Ja!“
INFORMATIONEN
DISKOGRAPHIE
The Italian Tenor
2010 Sony
0886977238420
Westside Story
2007 Decca
0028947662693
In the Hands of Love
2006 Polydor
0602498745212



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