Musiker, Komponist, Produzent, Fotograf, Autor, Komponist und Filmemacher: Dave Stewart ist ein Multitalent.
Mit The Blackbird Diaries blickt er auf sein Leben und seine Kindheit zurück. Mit Annie Lennox und den Eurythmics wurde er weltbekannt, doch auch nach der Trennung 1989 ist Dave Stewart ein gefragter Mann: als Solokünstler und vor allem auch als Produzent. Es gibt kaum einen Künstler, der nicht schon bei dem Musiker aus der englischen Hafenstadt Sunderland angeklopft hat: Bono von U2, Paul McCartney, Tom Petty, Ringo Starr, Anastacia oder Shakira. Aktuell erschienen sind die Alben von Stevie Nicks und Joss Stone, denen er zu ihrem Klang verholfen hat. Wie er da bloß die Zeit fand, für sein eigenes Album ins Studio zu gehen?!?
n den Blackbird Studios – kam mir ein sehr altes Buch aus dem Jahr 1800 in den Weg, die Geschichte einer Amsel. Und zur selben Zeit schickte mir jemand eine Zeichnung von dieser Amsel. Ich dachte: „Moment mal! Irgendjemand möchte dir da was sagen.“ Und weiter: „Was mache ich hier? Ich schreibe eine Art Tagebuch. Genau: Es ist das Blackbird Tagebuch!“
AKB: Klingt wie Bestimmung ... Würden Sie sagen, dass das Album eine Art Retrospektive ist?
DS: Hm, es ist in gewisser Weise introspektiv und retrospektiv. Schwer zu beschreiben. Es ist irgendwie, als wenn mein Leben in Texte und in eine musikalische Geschichte gepackt wäre. Zum Beispiel singe ich in dem Song The Magic In The Blues über die Zeit, als ich 14 war und meine Mutter sich von meinem Vater trennte. Diese Melancholie hat nicht nur mit meiner musikalischen Reise zu tun. Meine Mutter war auch schwermütig, weil sie nicht für den Rest ihres Lebens als Hausfrau im Nordosten Englands versauern wollte. Sie dachte, es müsse noch etwas anderes geben. Und auf diese Suche begeben sich viele Menschen, in ihr Innerstes – der heilige Gral oder was auch immer, das bleibt in allen Menschen, Frauen, Männer, Teenager. Manche sagen: „Ich muss finden, was da ist.“ Und manche finden es, andere nicht. Der Song The Magic In The Blues erzählt also darüber, wie ich auf der Suche nach etwas von zuhause weggehe. Aber auch meine Mutter ist weggegangen.
AKB: Sind Sie in einem musikalischen Umfeld groß geworden?
DS: Meine Familie war nicht wirklich musikalisch, aber mein Vater sang gern und mochte Musik. Wir lebten in einem sehr kleinen Haus und hatten nicht viel Geld, aber er hatte einen Platz, an dem er Holzarbeiten machte. Und er machte kleine Lautsprecher mit Holzgehäuse, die er in jeder Zimmerecke aufstellte – in unserem Kinderzimmer, im Wohnzimmer, in der Küche und im Elternschlafzimmer. Und dann baute er noch ein altertümliches Radio. Ich erinnere mich an den Tag, an dem er es das erste Mal anstellte und die Musik spielte: Es war wie ein Wunder. Das ganze Haus war von Musik erfüllt. Und er kaufte diese Platten, Musicals wie The Sound Of Music oder The King And I. Aber auch Frank Sinatra und Glen Miller. Und jedes Mal war es magisch, Glen Miller und sein Orchester klangen grandios mit all den Blechbläsern. Oder er legte Frank Sinatra auf und sang dazu. Damals war ich 5 oder 6. Als ich 13 war, kam mein Cousin, der bei der Air Force war, nach Memphis und schickte diese Bluesalben. Sie können sich vorstellen: Ich lege ein Bluesalbum von Robert Johnson auf, und mit einem Mal erklingen diese seltsame Gitarre und seine verrauchte Bluesstimme. Ich dachte nur: „Wow, was zum Himmel ist das denn?!?“ und war vollkommen aus dem Häuschen.
AKB: Sie sind ja nicht nur Musiker, sondern auch Produzent. Glauben Sie eigentlich, dass Produzenten den Sound der Zeit erschaffen, oder ist es doch eher das Musikbusiness oder die Hörer, die den Produzenten beeinflussen? Wer beeinflusst wen?
DS: Nun, viele aus dem Business versuchen, das Publikum zu beeinflussen, die Plattenkäufer, indem sie ihnen die immergleichen Sachen vorsetzen. Sie denken: „Okay, wir haben vier Mädchen mit sehr kurzen Shorts, die herumtanzen und triviale Texte singen.“ Wenn das ein Hit wird: „Okay, wir brauchen vier neue Mädchen.“ Geschäftsleute versuchen, eine Formel zu wiederholen. Künstler hingegen denken nicht über eine Formel oder so etwas nach. Sie wollen sich nur ausdrücken. Ich bin nicht daran interessiert, einem Trend zu folgen. Es geht darum, Ideen zu schaffen, denen andere Menschen folgen. Ich möchte keinem Trend folgen.
AKB: Aber wodurch lassen Sie sich inspirieren: Mode? Design? Kunst?
DS: Ich werde von Kunstströmungen beeinflusst. Und von den unterschiedlichsten Musikstilen. Ich könnte zum Beispiel Blues nehmen, aber ich würde ihn dann mit einem ganz anderen Genre mischen. Es liegt mir mehr als fern, etwas zu folgen, was aktuell ist, sondern ich blicke in die Zukunft und in die Vergangenheit gleichzeitig. Nach den Eurythmics hatte ich begonnen, mich mit Fotografie zu beschäftigen und wurde Fotograf. Im Moment stecke ich mitten in drei Dokumentationen, Fotoshootings und Musikmachen. Und ich bringe alles zusammen – es ist vielleicht wie eine kleine Andy-Warhol-Werkstatt, die ich hier in Los Angeles habe.
AKB: So etwas ist in den letzten 10, 20 Jahren ja sehr selten geworden, da es auch in der Kunst um Verkaufszahlen geht.
DS: Nun, es gab in Großbritannien um 1992, 93 eine große Kunstbewegung, als Damien Hurst und einige andere Maler, die Band Blur und all diese Musik und Kunst und Mode wirklich sehr wichtig waren. Oder in New York Andy Warhol, The Rolling Stones und The Velvet Underground. Ich glaube, dass diese Wellen, wenn die unterschiedlichen Medien wie Mode, Musik, Kunst zusammenkommen, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land schwappen. Es ist interessant, das zu verfolgen und sich die sozialen und politischen Gründe, warum das genau zu dieser Zeit passiert, anzusehen. Und das ist oftmals auch durch Drogen beeinflusst. Wenn Sie sich Musik der späten 60er wie Pink Floyd oder diese Bands aus Kalifornien und San Francisco anhören... Die haben alle Gras geraucht und LSD genommen. Und zu Beginn der 70er war es Kokain. Und dann kam Speed auf und in der Musik kam die Punkbewegung. Dann Ecstasy und Wave-Musik. Es kommt also alles zusammen, warum etwas zur Bewegung oder Mode oder zum Phänomen wird. Aber normalerweise beginnt es damit, dass Künstler mit Kunst, mit anderen Künstlern und mit Drogen experimentieren.
AKB: Glauben Sie, dass die Art von Droge auch den Beat beeinflusst? Mit Speed zum Beispiel gab es inflationär viele Uptempo-Nummern.
DS: Unbedingt, ja! Sie beeinflusst nicht nur den Beat, sondern auch die Texte. Punk war ziemlich schnell und wild. Und psychedelische Musik floss irgendwie so dahin. Das Ding ist: Ich habe so viele Drogen genommen, als ich zwischen 18 und 27 war. Aber ich brauche sie nicht mehr (lacht).
AKB: Sie können die Bilderwelten jetzt auch ohne Drogen kreieren? Aber ist das nicht das Beste?
DS: Absolut! Aber manchmal dauert es eben, bis man soweit ist. Und außerdem, wissen Sie, werden Sie sehr von den Menschen um Sie herum beeinflusst. Mit 12, 13 haben Ihre Freunde einen größeren Einfluss auf Sie als Ihre Eltern. Menschen gehen auf diese Reisen. Und die Reisen von manchen enden im Desaster – sie sterben viel zu jung. Und andere führt ihre Reise wie bei Alice mithilfe des Kaninchens in eine Art „Alice im Wunderland“-Leben, wie es auch bei mir der Fall war. Mit Annie und Eurythmics so erfolgreich zu werden, die Möglichkeit zu haben, die Welt zu sehen und mit ihr durch meine Songs und meine Kunst zu interagieren – und trotzdem noch zu leben und schreiben zu können: Wenn Sie all das erlebt haben und immer noch aufrecht stehen können, ich denke, dann wird es interessant. The Blackbird Diaries und die Art, wie ich heute schreibe, sind eine Mischung aus all den Erfahrungen, die ich gemacht und die ich dann in meine Geschichten eingestreut habe. Ich blicke auf das Ganze. Es ist beinahe so, als ob ich von außen auf mein Leben blicke, durch ein Teleskop. Und die Augenblicke herauspicke, die ganz besonders inspirierend für mich waren, und das alles in meine Arbeit einzubringen.
AKB: Was ist Ihnen lieber: Als Solist in der ersten Reihe zu stehen oder im Hintergrund zu bleiben?
DS: Ich war immer gern im Hintergrund und habe geholfen, etwas zu erschaffen, egal was es war: Bei einem Video war ich gerne der Regisseur, lieber als vor der Kamera zu sein. Oder bei einer Bühnenshow habe ich lieber den Bühnenaufbau gemacht und dafür gesorgt, dass die Band gut klingt. Aber just an diesem Punkt in meinem Leben hat sich das gewandelt: Ich bin gerne derjenige, der singt und die Geschichten erzählt. Die Person vorne.
AKB: Warum hat sich das geändert? Können Sie sich das erklären?
DS: Ich weiß nicht. Ich denke, dass ich einfach weniger gehemmt, selbstsicherer bin oder mich in meiner Haut wohler fühle. Ich weiß also nicht, was der Grund ist (lacht). Es wäre schlauer gewesen, wenn ich das mit 18 schon gemacht hätte, und bin dumm, das jetzt erst zu tun – sonst hätte ich schon 20 Soloalben draußen. Und nur gespielt, wohin mich die Reise geführt hätte. Aber in den letzten 3, 4 Jahren hatte ich das Gefühl, dass ich jetzt an dem Stand bin, so viele Erfahrungen gemacht zu haben, dass ich 10 Alben hintereinander aufnehmen könnte mit meinen Geschichten und sie wie ein Troubadour zu singen und zu spielen.
AKB: Haben Sie heute also genug Geschichten, die Sie erzählen können, und wollen sie auch erzählen?
DS: Ja! Davor hatte ich nicht wirklich die Zeit dazu, denn da sind sie ja passiert. In Echtzeit, wissen Sie (lacht). Aber heute erzähle ich die Geschichten aus meinem Leben.
DISKOGRAPHIE (Auswahl)
The Blackbird Diaries
2011 SurfDog Records / Sony
EAN 0885150334140
The Dave Stewart Songbook Vol. 1
2008 Sony
EAN 0640424999902
Alfie Soundtrack
2004 EMI
EAN 0724386324122


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