Sir Elton John, Jools Holland und Burt Bacharach – also 199 Jahre Erfahrung im Musikbusiness – sind ihr schon verfallen, Jamie Cullum ebenfalls. Nun ist der Rest der Welt an der Reihe.
Es klingt wie die moderne Version von Cinderella: Bei den Brit Awards taucht eine Sängerin mit unverwechselbarer Stimme wie aus dem Nichts auf – zumindest hat es nach außen den Anschein. Doch hinter Rumer, wie sich Sarah Joyce, britische Sängerin mit pakistanischen Wurzeln, mit Künstlernamen nennt, liegen harte Jahre, in denen sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, Hunger und andere Entbehrungen durchleiden und persönliche Schicksalsschläge erleiden musste. Doch ihr Traum, es Judy Garland, ihrem Idol aus Kindheitstagen, gleichzutun, hat sie nie an ihren Zielen zweifeln lassen.
Ann Kathrin Bronner: Sarah, Ihr großes Vorbild als Kind war Judy Garland. Sie haben Ihre Kindheit in Islamabad verbracht und sind zunächst ohne Fernseher aufgewachsen. Hatten Sie denn zumindest ein Radio? Oder woher haben Sie sie gekannt?
Sarah Joyce: Wir hatten ein Radio und auch einen Plattenspieler. Aber vor allem haben meine Geschwister immer Gitarre gespielt und gesungen. Hauptsächlich Kirchenlieder. Daneben aber auch Cat Stevens, James Taylor, Carole King und diese Sachen. Der Ort, in dem wir gewohnt haben, war eine Kolonie, die in den 60ern von Amerikanern gebaut wurde. Es gab also sehr viele Amerikaner, die immer diese Musik gehört haben. Später sind wir dann nach Großbritannien gezogen, aber auch hier habe ich keine einzige Stunde Musikunterricht gehabt, auch nicht in der Schule. Ich habe etwas Gitarre gespielt, aber das war es. Ich glaube, Musik machen war einfach etwas ganz Natürliches für mich. Ich bin da einfach reingestolpert. Ich habe als Fünfjährige angefangen zu singen. Ich wollte immer wie Judy Garland sein. Sie war meine Heldin, und ich habe sie kopiert.
AKB: Aber Judy Garland war ein Kinderstar. Und Sie haben Ihr erstes Album Seasons Of My Soul mit 31 veröffentlicht, was ja eher ungewöhnlich ist.
SJR: Ich habe in den letzten Jahren immer nach einer Möglichkeit gesucht, in der Plattenindustrie einen Fuß in die Tür zu bekommen. Aber es ist sehr schwer hineinzukommen und dauert sehr, sehr lange. Es war eine schwierige Zeit für mich: Ich habe einfach keine Chance bekommen. Kein Label wollte mich unter Vertrag nehmen.
AKB: Aber was hat man Ihnen gesagt?
SJR: Eigentlich haben sie gar nichts gesagt, sondern mich ignoriert. Das Business ist sehr sexistisch. Es gibt nur sehr wenige Frauen, und ich glaube, dass ich ein Opfer von Sexismus geworden bin, weil ich nicht dem Ideal des sexy Girls entsprochen habe. Ich bin nicht blond, ich bin nicht schlank, ich bin nicht hübsch. Und für Männer sind Frauen im Musikbusiness Sexualobjekte. Ich bin dann nach Deutschland gezogen, nach Nürnberg, und habe hier mit Musikern des Labels !k7 gearbeitet, die mich auf Myspace gefunden hatten. Das war vor etwa drei Jahren. Sie haben mich eingeladen, mit ihnen zu arbeiten, und ich habe einige Vocals beigesteuert. Dann habe ich mein Album fertiggestellt, so dass es eine Kontur hatte, eine gewisse Stimmung. Plattenfirmen mögen es, fertige Produkte vorgesetzt zu bekommen!
AKB: War es nie eine Option für Sie, bei Britain’s Got Talent oder einer anderen Castingshow mitzumachen?
SJR: Nein. Definitiv nicht! Auch wenn ich nichts dagegen habe, wenn sich jemand diese Shows ansieht. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass das etwas für mich wäre. Es passiert hier einfach zu leicht, dass man manipuliert wird. Es ist eine oberflächliche Industrie und ich habe darunter gelitten. Zudem hatte ich ja keinerlei Unterstützung von meinen Eltern. Meine Mutter ist früh verstorben, und mein Vater lebt, seit ich 21 bin, in Australien. Ich habe viele, viele Jobs gehabt: ich habe in Restaurants und Bars gekellnert, ich habe unterrichtet, Promotion gemacht. Aber ich habe nie daran gedacht, dauerhaft etwas anderes als Musik zu machen. Ich wusste immer, dass es falsch wäre, denn es gibt so viele Menschen, die die Botschaften in meinen Songs einfach hören müssen. Die Songs sind sehr emotional und dokumentieren so viel Kummer und andere Gefühle, dass sie Menschen helfen können – so, wie sie mir geholfen haben. Wie mein persönlicher Lieblingstitel Blackbird. Ich denke, dass ich immer noch genau so fühle und die im Song geschilderten Gefühle immer noch durchlebe. Und ich spüre, dass es wichtig für mich ist, Blackbird immer noch jeden Tag anzuhören.
AKB: Ist Ihre Musik manchmal auch eine Art Flucht?
SJR: Es ist eine Flucht, aber Musik ist auch heilsam für mich. Wahrscheinlich habe ich vieles geschrieben, um mich selbst zu heilen. Und dann passiert es automatisch, dass man auch andere heilt. Ich dachte, wenn ich mein Paket an Erfahrungen, die ja sehr universell sind, fassbar machen könnte, würde ich natürlich auch andere Menschen damit erreichen. In gewisser Weise ist Seasons Of My Soul also ein Konzeptalbum. Aber es enthält auch viele differierende Momente, die ich erst anschließend bemerkt habe: Etwa wie sich Gefühlsebene und reale Welt verbinden, zum Beispiel in Songs wie Thankful, Blackbird und Aretha. Es gibt immer auch eine reale Komponente: Der Boden, die Bäume, die Blüten, die Vögel, die Blätter. Es ist immer die Ebene Zeit und Raum vorhanden, und die innere, die Gefühlswelt, steht stets in Beziehung zur äußeren Welt. Vielleicht wirkt es wie ein Konzeptalbum, aber eigentlich erforsche ich nur die verschiedenen Landschaften meiner Seele.
AKB: Ihre Songs sind sehr persönlich. Ist es nicht seltsam, Menschen, die Sie nicht kennen, Ihre innersten Gefühle mitzuteilen? Und was ist für Sie wichtiger: die Musik oder die Texte?
SJR: Ich glaube, es ist die Stimmung, die am wichtigsten für das ist, was ich zu sagen versuche. Möglicherweise würde sich diese Stimmung auch ohne Text transportieren. Wie bei klassischer Musik. Sie können sich auch ohne Musik, nur durch Poesie, ausdrücken. Aber am stärksten ist doch beides zusammen! Und für mich ist es nicht unbedingt seltsam, sondern eher emotional belastend. Manchmal nimmt es mich sehr mit, wenn ich einen Song singen soll, in den ich all meine Gefühle gepackt habe. Ich habe hingegen kein Problem damit, wenn Menschen mich verletzlich sehen. Denn ich glaube nicht, dass ein Mensch einem anderen Menschen in dem Moment schaden würde, in dem er verletzlich ist. Ich glaube nicht, dass Menschen Ihnen wehtun, wenn Sie ihnen Ihre Verletzlichkeit zeigen. Ich glaube, sie identifizieren sich dann eher mit dieser Verletzlichkeit, als dass sie Sie angreifbar macht.
AKB: Ist es denn einfacher für Sie, Ihre Songs zu singen, wenn Sie glücklich sind – oder in einer eher traurigen Stimmung?
SJR: Ich denke, dass es nicht darauf ankommt, ob Sie traurig oder glücklich sind, sondern dass es darum geht, inspiriert zu sein. Das Gefühl zu haben, dass tief in Ihnen etwas ist. Darauf kommt es an. Und die Songs interpretiere ich dann in der Stimmung, in der ich auch damals war, als ich sie geschrieben habe.
AKB: Sie haben einige Songs mit Burt Bacharach aufgenommen. Hat Sie das Treffen mit einer solchen Musiklegende inspiriert?
SJR: Unbedingt! Es war so aufregend für mich. Ich war bei Burt Bacharach! Ich meine, vor einigen Monaten habe ich noch gekellnert. Es war wie bei Aschenputtel. Endlich wurde mein Traum Wirklichkeit. Ich hatte schon immer große Ziele: Ich wollte auf der Bühne stehen, ich wollte sein wie Judy Garland, ich wollte singen und Menschen unterhalten. Ich weiß nicht warum, keine Ahnung. Manchmal habe ich selbst gedacht, dass das lächerlich ist. Aber es hat mich einfach angetrieben. Ich habe immer geglaubt, dass das mein Schicksal ist. Und daher habe ich die harten Jahre auch niemals bedauert. Jede einzelne Erfahrung war wertvoll. Die Menschen, die ich getroffen habe, und die Erfahrungen, die ich gemacht habe, waren es wirklich wert. Und vor allem die vielen Geschichten, die ich zu erzählen habe!
Quelle: audiophil.de


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