Mit Küssen kann man nicht alleine wandelt die formvollendete Inkarnation des Salonlöwen der Zwanzigerjahre zum zweiten Mal auf Solopfaden. Aber ist es deswegen auch automatisch ein persönliches Album?
Max Raabe und sein Palast Orchester sind seit dem Überraschungserfolg Kein Schwein ruft mich an zur festen Institution der deutschen Musikszene geworden. Über einen Mangel an Anrufen kann sich der Bariton heute wohl kaum noch beklagen. Und die Behauptung war ohnehin spätestens ab dem Zeitpunkt obsolet, an dem das Telefon klingelte und Annette Humpe am anderen Ende der Leitung war, um Max Raabe eine geniale Textzeile vorzustellen: Küssen kann man nicht alleine.
Ann Kathrin Bronner: Herr Raabe, Ihr neues Album Küssen kann man nicht alleine haben Sie gemeinsam mit Annette Humpe geschrieben. War zunächst die Musik da, oder hatten Sie erst die Texte im Kopf?
Max Raabe: Das war von Titel zu Titel ganz unterschiedlich. Wichtig war es, eine zündende Idee zu haben. Manchmal waren die Idee oder eine Textzeile zuerst da, und dann haben wir die Musik dazu entwickelt. So war es bei In geheimer Mission. Aber es gab auch Songs, wo Annette Humpe mir etwas vorgespielt und gefragt hat: „Was fällt Dir dazu ein?“ Und dann habe ich etwas draufgesungen, teilweise rumgeblödelt. Bei Du weißt nichts von Liebe gab es zuerst die Melodie und ich habe spontan diese spezielle Zeile drauf gesungen.
AKB: Mit neuer Produzentin hätten Sie ja die Chance gehabt, mal in eine ganz andere Richtung zu gehen. Selbst wenn auf dem Album nur aktuelle Kompositionen sind, ist es vom Geist her doch in den 20er-Jahren verwurzelt. Verkörpern Sie das zu Hundert Prozent, ist das authentisch, oder ist es eine Rolle, in die Sie geschlüpft sind?
MR: Ich habe mir bei diesem Album vorgestellt, wie die Lieder der Texter und Komponisten aus den 20er-Jahren wohl heute klingen würden. Es ist der Humor, den ich an den Originalstücken so sehr schätze. Diesen Humor haben wir in einer, wie ich finde, sehr zeitgemäßen Form auf unserem Album zum Klingen gebracht. Es ist Popmusik, obwohl es nicht wirklich Popmusik ist. Wir erzählen sehr konsequent kleine Geschichten, wir bauen für zwei, drei Minuten ein kleines Drama auf, eine Mini-Oper. All das steht ja in dieser Tradition.
AKB: Wie wichtig sind Ihnen Ihre Texte?
MR: Ich kann eher schlechte Musik akzeptieren, wenn der Text brillant ist, als umgekehrt. Wenn die Komposition gut ist, aber der Text schlecht, dann lasse ich lieber das Stück weg. Aber es kommt selten vor, dass ich Kompromisse machen muss. Bei unseren 12 Songs passt alles perfekt zusammen.
AKB: Sie haben auch großen Erfolg in den USA. Wenn der Text für Ihre Musik so wichtig ist –Sie singen ja auch in New York auf Deutsch: Was gefällt den Zuhörern, die Deutsch nicht verstehen, so gut an den Liedern?
MR: Ich finde es selbst ganz erstaunlich, dass die Texte, die mir doch so wichtig sind, letztlich für den Erfolg gar nicht so bedeutsam sind. Ich bin wohl doch ein Sänger, der durch seine Stimme und durch seinen Vortrag genau das vermitteln kann, was im Text vorkommt. Wenn auch die Pointen untergehen, so überträgt sich doch das, was das Stück sagen will – zumal ich ja immer ansage, was gleich kommen wird. Mit wenigen Worten umschreibe ich den Inhalt des Stückes, und dann kann jeder nachvollziehen, worum es geht. Wenn ich sage: „Das nächste Stück heißt Die Liebe kommt, die Liebe geht“, brauche ich nur diesen einen Satz, und schon kann sich jeder darauf einstellen und hat das Gefühl: Ich verstehe jedes Wort. Oder stellen Sie sich vor, Sie gehen in ein Konzert mit einer argentinischen Tango-Kapelle und der Spanier sagt vorher auf Deutsch (mit spanischem Akzent): „Das nächste Stuck heißt Die Liebe kommt…“, dann haben Sie auch das Gefühl, Sie können dem folgen. Ich glaube, so funktioniert’s.
AKB: Wobei man sich in diesem Fall auf die Musik einlässt, aber nicht auf den Text.
MR: Sehr richtig. Aber wenn ich im Radio englische Musik höre, verstehe ich auch nur einen Bruchteil, obwohl ich Englisch spreche. Und die Doppeldeutigkeit bekomme ich gar nicht mit. Oder man hört französische Chansons oder spanische Sachen und ist ergriffen. Man darf die Stärke einer guten Komposition und einer guten Interpretation nicht unterschätzen. Das fesselt die Leute trotzdem. Für mich als jemand, der auf Artikulation und Textverständlichkeit auf der Bühne enormen Wert legt, ist das eine ganz erhellende und ernüchternde Erkenntnis gewesen. Aber man darf sich eben auch nicht so wichtig nehmen, sondern muss sich sagen: Ich diene hier einer Komposition.
AKB: Die Konsequenz daraus wäre wohl, dass Sie nur in deutschsprachigen Ländern auftreten dürfen – und dann hätten Sie nicht auf der Hochzeit von Marilyn Manson singen können. Wie kam denn dieser Kontakt zustande?
MR: Er hat Aufnahmen von mir in einem Restaurant in Moskau gehört und sich dann unsere Platten besorgt. Er liebt diese Musik und hat auch ein Faible für das Berlin der 20er-Jahre. Und hat gesagt: „Wenn ich heirate, dann singt Max Raabe, oder es gibt gar keine Musik.“ Und dann haben wir tatsächlich am Ende einer Tournee Halt in Irland gemacht und sind auf das Schloss von Gottfried Helnwein gefahren, wo die Hochzeit von Marilyn Manson stattfand.
AKB: Ich wäre gespannt auf Ihre Version von The Dope Show. Oder könnten Sie sich gar vorstellen, mit Marilyn Manson ein Duett zu singen?
MR: Er stellt ja nun wirklich eine ganz andere Stimmkultur auf der Bühne vor als ich. Vielleicht. Wenn das in der Luft gehangen hätte... Aber wir sind nicht drauf gekommen.
AKB: Bei Popmusikern erlebt man oft, dass sie ihr Liebesleben und ihre persönlichen Dramen in ihre Musik packen, um sich ausdrücken. Wie ist das bei Ihrem neuen Album?
MR: Küssen kann man nicht alleine ist kein autobiographisches Album, aber es ist doch persönlich geprägt. Jeder hat die Dinge, die vorkommen, in einer Art und Weise schon einmal erlebt, ob das nun kleine Krisen sind, kleine Verliebtheiten, Verzweiflungen. Aber jeder würde es anders formulieren und schreiben. Ich habe es so gemacht, und deswegen ist es ein persönliches Album. Wenn ich etwas aus dem Original-Repertoire singe, ist das auch immer etwas, mit dem ich etwas anfangen kann, weil ich es entweder skurril finde oder lustig. Und man muss sich auch gar nicht auf alles einlassen. Ich meine, was hat mein Leben mit einem Kaktus zu tun, der von einem Balkon fällt – um mal ein extremes Beispiel zu wählen. Es macht ja auch Spaß, Blödsinn zu singen. Aber auf hohem musikalischem Niveau.
AKB: Das heißt, Ihr Ziel als Künstler ist es nicht, Ihre Persönlichkeit auf der Bühne auszuleben?
MR: Ich lebe meine Persönlichkeit ja auch aus. Es ist mein Geschmack, den ich präsentiere. Die Interpretation und die Auswahl der Lieder spiegeln meine persönliche Haltung zu Musik, zu Humor.
AKB: Aber Sie wollen Ihr Seelenleben nicht nach außen tragen? Häufig hat man bei Künstlern den Eindruck, dass das das Wichtigste sei.
MR: Man muss nur das Fernsehen anstellen. Es sind ja nicht nur Künstler, die ihre mentalen Hosen runterlassen: Alle breiten im Fernsehen ihr Seelenleben aus. Mich interessiert das nicht. Ich will das auch nicht sehen. Ich will die Abgründe dieser Leute nicht sehen. Ich will nicht sehen, wie sie sich mit ihren Frauen streiten. Ich will nicht sehen, wie sie ihre Kinder nicht erziehen. Oder wie ihre Wohnung von fremden Leuten renoviert wird. Gut, das ist in Ordnung. Die würde ich auch reinlassen. Aber ich muss nicht permanent eine Kamera auf mich gerichtet haben.
AKB: Es wäre Ihnen zu privat?
MR: Es wäre mir zu intim, ja.
AKB: Aber mit dem Titel Küssen kann man nicht alleine provozieren Sie doch bestimmt auch private Fragen in Interviews.
MR: Ist bisher noch gar nicht der Fall gewesen.
AKB: Hat man zu viel Respekt vor Ihnen? Dann fange ich mal damit an…
MR: Küssen kann man nicht alleine ist an sich ja erst einmal eine Feststellung. Was ist ein Kuss? Wo fängt das an? Gehen wir zurück zum letzten Abendmahl, zu den verhängnisvollen Folgen eines Kusses? Ist es die Mutter, die ihr Kind auf die Wange küsst, bevor es in die Schule geht? Sind es zwei Liebende, die sich küssen? Küssen kann man nicht alleine ist jeweils das, was der Hörende daraus machen möchte. Die Tatsache selber ist ja die eigentliche Aussage, und die ist neutral – beziehungsweise eine wahre Erkenntnis.
AKB: An sich ja. Aber wenn man dann auf dem Album von Eifersuchtsdramen und Flirts mit der ICE-Schaffnerin hört, geht es doch in Richtung Liebesbeziehung.
MR: Man kann auch ein bisschen die Fantasie spielen lassen; außerdem macht es einfach Spaß, sich solche Reime auszudenken. Und die amourösen Abenteuer in ICEs sind bei mir wahnsinnig überschaubar.
BIOGRAPHIE
1962 Am 12. Dezember tut Max Raabe seinen ersten Schrei in Lünen; weitere stimmliche Erfahrungen folgen in Kirchenkinderchor und Schule.
1982 Er zieht nach Berlin, wo er erste Gesangsstunden mit Gelegenheitsarbeiten finanziert.
1986 Mit einigen Kommilitonen der Hochschule der Künste gründet Max Raabe das Palast Orchester, um den Klang der Zwanzigerjahre wieder zu beleben.
1987 Die Premiere beim Berliner Theaterball erfolgt im Foyer statt auf der Bühne – das Publikum ist begeistert von der Musik, das Programm muss gleich zweimal gespielt werden
1988 Max Raabe beginnt ein Gesangsstudium an der HdK Berlin, das er 1995 als staatlich geprüfter Opernsänger abschließt; das erste Album von Max Raabe & Palast Orchester Die Männer sind schon der Liebe wert erscheint.
1992 In Peter Zadeks Inszenierung von Der Blaue Engel begeistert er mit einer Soloeinlage.
1994 Ein Auftritt des Palast Orchesters in Sönke Wortmanns Der bewegte Mann sorgt für deutschlandweite Bekanntheit; Max Raabe spielt in der Inszenierung der Geschwister Pfister von Im weißen Rössl den Dr. Siedler.
1996 Als Darsteller des Attila in Charleys Tante gibt er sein Debüt als Filmdarsteller.
1999 Neben Nina Hagen und HK Gruber singt der Bariton die Rolle des Mackie Messer bei einer CD-Aufnahme von Brechts Dreigroschenoper.
2001 Max Raabe spielt in Invisible von Werner Herzog die Rolle des Zeremonienmeisters.
2002 Neben der Eröffnung der Wiener Festwochen ist der Echo Klassik für Charming Weill einer der Höhepunkte des Jahres.
2003 Im August wird die Palast Revue im Thalia Theater Hamburg uraufgeführt.
2004 Sein Solo-Programm führt den Sänger erstmals nach New York – und ist drei Mal ausverkauft.
2005 Max Raabe erhält den Paul-Lincke-Ring der Stadt Goslar, spielt in der Carnegie Hall und untermalt die Hochzeit von Marilyn Manson und Dita von Teese.
2006 Nach einer Tour durch China und Japan synchronisiert er den Frosch-Detektiv in Die Rotkäppchen-Verschwörung.
2007 Sänger und Orchester konzertieren in einer jüdischen Synagoge in San Francisco; für das japanische Publikum nimmt er drei Titel auf Japanisch auf.
2008 Heute Nacht oder nie führt Max Raabe durch 70 Städte bis in die USA.
2010 Das Solo-Album Übers Meer, nur mit Begleitung seines langjährigen Pianisten Christoph Israel, erscheint.
2011 Mit Annette Humpe schreibt und produziert Max Raabe das Album Küssen kann man nicht alleine, das seit dem 28. Januar erhältlich ist.
DISKOGRAPHIE
Küssen kann man nicht alleine
2011 Decca / Universal
EAN 0602527553955
Übers Meer
2010 Universal
EAN 0028947637530
TERMINE
13.05.2011 Halle, Georg-Friedrich-Händel-Halle
14.05.2011 Bamberg, Konzert- und Kongresshalle
15.05.2011 Ingolstadt, Theater-Festsaal
16.05.2011 Ulm, Congress Centrum
17.05.2011 Wetzlar, Rittal Arena
18./19.05.2011 Dortmund, Konzerthaus
20.05.2011 Trier, Europahalle
21.05.2011 Saarbrücken, Saarlandhalle
03.07.2011 Rügen, Freilichtbühne Rugard
07.07.2011 Grafenegg (A), Wolkenturm Open Air (Max Raabe Solo)
08.07.2011 Graz (A), Kasemattenbühne
09.07.2011 Reith (A), Matzenpark Open Air Gelände
11.08.2011 Augsburg, Freilichtbühne
12.08.2011 Oberammergau, Passionstheater
20.08.2011 Berlin, Waldbühne
01.09.2011 Hanau, Amphitheater (Max Raabe Solo)
02.09.2011 Andernach, Schlossgarten (Max Raabe Solo)
03.09.2011 Dresden, Schloss Pillnitz (Max Raabe Solo)
04.09.2011 Meiningen, Marktplatz (Max Raabe Solo)
23.09.2011 Basel (CH), Musical Theater
24./25.09.2011 Zürich (CH), Theater 11
14.-16.10.2011 Wien (A), Stadthalle
17.10.2011 Salzburg (A), Festspielhaus
18.10.2011 Rosenheim, Kultur und Kongress Zentrum
INFORMATIONEN
www.palast-orchester.de
Quelle: audiophil.de



« YELLO - EIN GEBRÜLLTES HALLO
AMOS LEE – MISSION BELL »