Er ist eine der prägenden Persönlichkeiten des Jazz der letzten Jahrzehnte. Einer der wenigen Musiker, die es immer wieder schaffen, sich neu zu erfinden – wie mit dem aktuellen Imagine Project: Herbie Hancock.
Ann Kathrin Bronner: Was bedeutet für Sie die Fähigkeit zu hören?
Herbie Hancock: Oh, sie ist ausschlaggebend (lacht)! Das bezieht sich nicht nur auf die Musik, das bezieht sich auf das Leben. Gerade heutzutage bräuchten wir mehr Zuhörer. Mehr Dialog. Mehr Kompromisse. Mehr Bereitschaft, auch gegensätzliche Ansichten anzuhören. Mit Muße. Nicht nur auf die eigenen Vorstellungen, sondern auf die Ideen anderer zu hören.
AKB: Wie würden Sie jemandem, der nicht hören kann, Musik erklären?
HH: Schwierig. Ich würde Klang als Vibration erklären, in einer bestimmten Frequenz, die niedriger ist als die von Licht. Musik ist die Fähigkeit der Menschen, diese Frequenzen zu manipulieren – entweder mit der Stimme oder mit bestimmten Gegenstände, die erfunden wurden, um in der Anordnung dieser Frequenzen einen Sinn zu erzielen: Die Möglichkeit, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Auf einem emotionalen Level, entweder von Herz zu Herz oder von Leben zu Leben.
AKB: Musik ist also viel mehr als der reine Klang? Oder Vibration? Oder Frequenzen? Sondern hat auch einen emotionalen Aspekt?
HH: Absolut!
AKB: Auch eine soziale und gesellschaftliche Komponente? Oder hat sie für Sie auch einen politischen Aspekt?
HH: Ja. Sie kann auch politisch sein. Aber manchmal transportiere ich auch einen emotionalen Aspekt (lacht).
AKB: Unbedingt! Als ich das erste Mal Imagine von Ihrem neuen Imagine Project anhörte, war ich den Tränen nahe!
HH: Großartig!
AKB: Sie ist so unglaublich emotional, diese Interpretation. Wie stellen Sie denn den Kontakt zu den Künstlern her, mit denen Sie auf Ihren Alben zusammenarbeiten?
HH: Ich habe ein kleines Team, die die Künstler anfragen, von denen ich mir wünsche, dass sie mitmachen. Und das auch Titel vorschlägt. Larry Klein, der Produzent, hat den größten Teil davon realisiert. Er hat viel geforscht und die nicht-westlichen Künstler entdeckt, etwa Konono #1 aus dem Kongo oder Omou Sangare.
AKB: Und hatten Sie zunächst die Idee, welche Songs Sie für das Projekt aufnehmen möchten, und haben dann nach den Künstlern gesucht?
HH: Nein, das hat irgendwie alles ineinander gespielt. Wir haben nicht erst einen Teil fertig gemacht und dann den nächsten begonnen. Sondern gleichzeitig überlegt, welche Songs wir auf dem Album haben möchten und wer sie singen oder dabei sein soll. Es war etwa Larry Kleins Idee, Konono #1 – die Gruppe spiel Daumenklavier – als Rhythmusgruppe für Imagine zu nehmen. Es war also ein gleichzeitiger Prozess!
AKB: Für mich ist das Imagine Project das derzeit beste Beispiel, dass man nicht in Kategorien wie Jazz, Klassik, Pop denken sollte. Worum ging es Ihnen bei dem Projekt sonst noch?
HH: Nun, in erster Linie ging es uns um globale Zusammenarbeit als ein Schritt in Richtung Frieden. Und darum, wie wir dieses Konzept in der Musik aufzeigen können. Es ging also nicht nur darum, Menschen zusammenzubringen und gemeinsam zu musizieren. Es ging um ein größeres Ziel.
AKB: Sie sind ja sehr in Friedensprojekten, im Kampf gegen Aids und in sozialen Projekten engagiert.
HH: Nun, ich lebe zufällig auf diesem Planet namens Erde. Und es gibt keine andere.
AKB: Ist es Ihnen in Ihrer Position als Musiker und Vorbild so vieler Generationen von Musikern ein Bedürfnis zu helfen, dass die Welt ein besserer Ort wird?
HH: Ich denke, das ist die Verantwortung jedes menschlichen Wesens ist: Für unsere Existenz zu kämpfen.
AKB: Aber Sie sind in einer besonderen Position. Sie erreichen sehr viele Menschen mit Ihrer Musik.
HH: Das ist meiner Meinung nach der Sinn und Zweck von Berühmtheit: Ansonsten hat sie doch keinen! Um irgendwie beizutragen, den menschlichen Geist in die Höhe zu befördern und zu entwickeln. Sogar Unterhaltung kann dazu beitragen, den menschlichen Geist zu befördern. Unterhaltung muss nicht nur das lächerliche Ziel haben, Menschen zum Lachen zu bringen und Ihnen eine Auszeit von den Sorgen des Alltags zu geben. Berühmtheit dient einem höheren Ziel. Und nicht nur, dass möglichst viele Menschen Ihren Namen kennen!
AKB: Aber ist das nicht die beste Kombination: Menschen einerseits zu unterhalten, andererseits politische und umweltpolitische Ideen zu transportieren?
HH: Das denke ich auch!
AKB: Als Sie mit sieben Jahren Ihr erstes Klavier bekommen haben, haben Sie da auch klassischen Klavierunterricht bekommen?
HH: Ja, das habe ich. Ich hatte das Klavier schon einige Monate, bevor ich Stunden nahm, doch dann habe ich bis zum Alter von zwanzig Jahren durchgängig Unterricht gehabt.
AKB: Und wann haben Sie sich für Jazz entschieden, statt eine klassische Karriere einzuschlagen?
HH: Als ich vierzehn war, habe ich einen Jungen aus meiner Highschool-Klasse bei einem dieser Vortragsabende, die es zu jedem Halbjahresende gibt, spielen gehört. Jedenfalls war da dieser Junge, und er hatte ein Jazztrio. Und er improvisierte. Auf demselben Instrument, das ich spielte. Und ich konnte das nicht! Selbst wenn ich es nicht verstand, konnte ich doch sagen, dass er wusste, was er tat. Denn es klang organisiert. Und an dem Punkt sagte ich mir: Ich möchte lernen, wie man improvisiert! Das war der Beginn (lacht)!
AKB: Aber kann man Improvisieren wirklich lernen, oder ist es eine Fähigkeit, die man in sich tragen muss?
HH: Jeder hat die Fähigkeit zu improvisieren in sich. Wir tun es jeden Tag, wenn wir uns unterhalten.
AKB: Aber in der Musik ist es doch um einiges schwerer zu improvisieren.
HH: Ich habe nicht gesagt, es sei leicht! (Gelächter) Jeder wird mit der Fähigkeit geboren zu improvisieren. Manche Menschen sind vielleicht besser darin als andere. In der Musik gilt: Jedem, der ein Instrument spielt, kann man Improvisation beibringen. Jeder, der improvisiert, hat es ja irgendwann lernen müssen!
AKB: War ein Aspekt, sich eher dem Jazz zu widmen, auch der Rassismus in der Klassikszene?
HH: Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht, und das war nicht der Grund, der mich davon abgebracht hat. Jazz war einfach ein viel stärkerer Magnet für mich. Es war eher ein Wettstreit zwischen Klassik und Jazz (lacht)! Der Jazz war stärker…
AKB: Sie haben aber auch mit Lang Lang gespielt. Könnten Sie sich vorstellen, in Zukunft auch wieder Klassik zu spielen?
HH: Tatsächlich werde ich nächstes Jahr im Oktober und November als Solist einige Konzerte mit klassischen Orchestern spielen.
AKB: Großartig!
HH: (lacht) Das höre ich sehr oft von Deutschen: Wenn ich etwas über klassische Musik sage, finden sie es großartig! Da ist dann immer dieser Wow-Effekt. Sie setzen Klassik auf eine höhere Stufe als Jazz…
AKB: Nein. Aber es zeigt immer eine größere Bandbreite, wenn ein Jazzmusiker auch klassische Musik spielt. Das stellt doch Jazz eher auf eine Stufe mit Klassik! Es ist also eher umgekehrt. Klassik braucht auch neue Impulse. Und vielleicht bringen Musiker, die improvisieren können, diese neuen Impulse. Es ist eine Art Verjüngungskur!
HH: Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Und das ist mir gegenüber auch schon früher geäußert worden, als ich Konzerte mit Lang Lang gespielt habe. Es war eine sehr attraktive Kombination, da ich Elemente aus der Improvisation in unsere Konzerte einbringen konnte. Das gibt klassischer Musik eine andere Note. Selbst wenn Improvisation Bestandteil der klassischen Musik war. Bach hat improvisiert. Beethoven soll auch improvisiert haben. Aber das ging über die Jahre einfach verloren.
AKB: Ich schätze mal, das war im 20. Jahrhundert. Improvisation kam plötzlich nur noch in den Kadenzen vor. Und selbst da nicht mehr, da etwa Geiger auf Kadenzen von Joachim oder Kreisler zurückgriffen.
HH: Ja, und weil Repertoire so wichtig wurde: Es blieb einfach keine Zeit mehr zu improvisieren, weil man so viele Stücke einstudieren musste.
AKB: Möglicherweise haben klassische Musiker auch häufig Angst, eine falsche Note zu spielen. Die klassische Ausbildung ist so streng, dass sie Angst davor haben zu improvisieren.
HH: Richtig, das habe ich auch festgestellt: viele klassische Musiker haben Angst. Ich kann das verstehen, aber ich versuche immer ihnen Mut zu machen… Ich habe das ja auch getan, als ich jung war. Am Anfang konnte ich auch nicht improvisieren, sondern nur Bach und Mozart spielen. Aber ich habe gelernt zu improvisieren.
AKB: Denken Sie eigentlich, dass Ihre Zeit im Miles Davis Quintett Fluch oder Segen war?
HH: (lacht herzlich) Wie hätte sie denn ein Fluch sein können? Wie soll ich das denn verstehen?
AKB: Sie haben vier, fünf Jahre mit Miles gespielt, und so viel länger als Solist, mit Ihren eigenen Bands. Vielleicht könnte es ja ein Fluch sein, immer auf die Zeit mit Miles reduziert zu werden. Und auf die Rolle des Sideman.
HH: Glauben Sie mir, es war ein Segen (lacht)! Es war ein Segen, sein Sideman zu sein. Es war ein Segen, mit diesem Menschen auf der Bühne zu stehen. Ich meine, das war ein sehr wichtiger Teil meiner persönlichen Entwicklung.
AKB: Nur in musikalischer, oder auch in menschlicher Hinsicht?
HH: In gewisser Weise auch in menschlicher Hinsicht. Miles war immer ein Mensch mit sehr viel Mut. Er stand immer für das ein, woran er glaubte. Er hatte Träume in seinem Leben… Es war natürlich kein perfektes Leben. Er war kein perfekter Mensch, beim besten Willen nicht. Aber die Tatsache, dass er in so vielen Fällen Mut bewies, war vom menschlichen Standpunkt der Grund, warum er ein Mensch war, zu dem ich sehr aufsah.
AKB: Sie haben mit so vielen großartigen Musikern zusammengearbeitet. Können Sie sagen, wer der wichtigste Musiker war – in musikalischer und in menschlicher Hinsicht?
HH: Wissen Sie, nur eine Person herauszupicken, wäre unmöglich. Denn sie waren alle wichtig. Miles Davis ist eine Hauptperson in meinem Leben. Ich betrachte ihn als meinen ersten Mentor. Vom musikalischen Standpunkt. Und mein jetziger Mentor für alle tieferen Aspekte meines Daseins ist Daisaku Ikeda, der Führer von SGI (Sōka Gakkai International, Anm. d. Red.), der buddhistischen Gemeinschaft, der ich angehöre. Bei Miles war es der Musiker, bei Daisaku Ikeda ist es der Mensch.
AKB: Im Moment scheint es ja unter Prominenten sehr hip, Buddhist zu sein. Sie allerdings praktizieren Buddhismus seit vielen Jahren. Was bedeutet dieser Glauben für Sie?
HH: Der Grund, warum ich Buddhismus praktiziere, ist, weil er mir mein Leben erschließt, so dass ich klarer sehen kann. Er ist ein Mittel, das es mir ermöglicht, mein Leben zu perfektionieren. Zu erkennen, was einen höheren Stellenwert verdient – und welche Herausforderung ich angehen muss, damit ich ein stärkerer, dynamischerer, lebendigerer Mensch werde, der die Fähigkeit hat, Hürden im Leben zu überwinden. Ein Mensch, der nicht aufgibt, was auch kommen mag. Ein Mensch, der weiter nach vorne geht. Und ein Mensch mit drei wichtigen Eigenschaften, nach denen ich strebe: Weisheit, Mitgefühl, Mut.
AKB: Und hat der Buddhismus auch Auswirkungen auf Ihre Musik?
HH: Absolut! Denn um Ihre Musik zu verbessern, benötigen Sie mehr Weisheit, mehr Mitgefühl, mehr Mut.
INFORMATIONEN
www.herbiehancock.com
BIOGRAPHIE
1940 Herbert Jeffrey Hancock wird am 12. April in Chicago geboren.
1947 Das erste Klavier!
1951 Erstes öffentliches Konzert mit Mozarts 5. Klavierkonzert und dem Chicago Symphony.
1958 Nach zwei Jahren Elektrotechnik wechselt Herbie Hancock am College ins Fach Musikkomposition.
1960 Zurück in Chicago, spielt er mit Coleman Hawkins und springt bei Donald Byrd ein, was ihn über Nacht in der Jazzszene Chicagos bekannt macht.
1962 Sein Debütalbum Takin’ Off mit Dexter Gordon, Freddie Hubbard erscheint auf Blue Note.
1963 Herbie Hancock wird Mitglied des legendären zweiten Miles-Davis-Quintetts – neben George Coleman, Ron Carter und Tony Williams.
1969 Mit Bitches Brew endet die Ära Davis-Hancock; Herbie Hancock legt sich den Swahili-Namen Mwandishi (dt. „Komponist“) zu.
1972 Der Musiker wird praktizierender Buddhist – bis heute.
1973 Nach dem kommerziellen Misserfolg seiner Band Sly Stone ruft er die Funkband The Headhunters ins Leben.
1976 Die Mitglieder des zweiten Miles-Davis-Quintetts finden sich zu V.S.O.P. zusammen.
1983 Aus der Zusammenarbeit mit Bill Laswell geht die Single Rock-it hervor, für die es einen Grammy gibt.
1986 Herbie Hancock schreibt den Oscar-prämierten Soundtrack zum Film Um Mitternacht, in dem er auch einen Auftritt hat.
1994 US3s Coverversion von Cantaloupe Island wird zum Hit.
1995 Das Album Possibilities mit Pop-Künstlern wie Sting, Paul Simon, Carlos Santana und Annie Lennox erscheint.
1996 Auf The New Standard interpretiert Herbie Hancock Popsongs von Peter Gabriel, Kurt Cobain und Joni Mitchell.
2008 River: The Joni Letters räumt bei den Grammy Awards ab: neben der Kategorie Bestes Jazz-Album gewinnt Hancock auch den Preis des Besten Album des Jahres.
2010 Das aktuelle Album The Imagine Project mit vielen Gastmusikern „soll die Kraft und Schönheit globaler Zusammenarbeit zeigen, als ein goldener Pfad zum Frieden“.
Auszeichnungen
Herbie Hancock erhielt im Laufe seiner Karriere einen Oscar für die Beste Filmmusik in Round Midnight sowie insgesamt 11 Grammys.
DISKOGRAPHIE (Auswahl)
The Imagine Project
mit P!nk, Seal, Juanes u.a.
2010 Sony
EAN 0886977189920
Then and Now. The Definitive Herbie Hancock
2008 Verve / Universal
EAN 0602517809666
River. The Joni Letters
mit Joni Mitchell, Leonard Cohen, Norah Jones, Tina Turner u.a.
2007 Verve / Universal
EAN 0602517448261
An Evening With Chick Corea And Herbie Hancock
1978 / 1993 Universal
EAN 0042283568020 (Reissue)
V.S.O.P.
1976 / 1997 Universal
EAN 5099748656926 (Reissue)
Maiden Voyage
1965 / 1999 Blue Note / EMI
EAN 0724349533127 (Reissue)
Quelle: audiophil.de


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