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Friday, 27 May 2011 14:16

JAMIE CULLUM - DER FLÜGELSTUTZER

Wie man sich ohne Notenkenntnisse und trotz zerstörtem Flügel auf einem Album-Cover in die Herzen spielen kann…

audiophil.de

Jamie Cullum ist derzeit einer der Stars am Jazz-Himmel. Der Engländer mit isrealisch-burmesischen Wurzeln gibt vor allem in seinen Live-Konzerten alles. Wirklich alles. Dabei macht er auch nicht vor einem Flügel halt. Bei der Präsentation des neuen Flagschiffs seines Partners Yamaha in Hamburg, dem Konzertflügel CF6, hielt er sich ausnahmsweise vornehm zurück. Am Wetter kann es nicht gelegen haben, denn Regen kennt er ja nur zu gut aus seiner Heimat.

jamie cullumBegonnen hatte alles im heimischen Essex, wo Klein-Jamie bereits im Windelalter bei Konzerten seiner Eltern mit am Klavier klimpern durfte. Und es sollte auch das Instrument seiner Wahl bleiben – trotz zwischenzeitlichen Gesangs- und Gitarren-Unterrichts. Natürlich spielte er damals noch kein Instrument mit wohlklingendem Namen: „Wir hatten ein sehr altes Second-Hand-Klavier, das aus einem Wohlfahrts-Geschäft bei uns im Haus stammte und 150 Pfund gekostet hatte. Es sollte wohl wie eine Mischung aus Steinway und Bösendorfer klingen, also ein so genannter ‚Steindorfer’. Aber es war in Ordnung. Absolut!“

Später verdiente er sich in Bars, Clubs und auf Kreuzfahrtschiffen das notwendige Kleingeld für sein erstes Album. Als er allerdings 2003 für sein Album Twentysomething den British Jazz Award in der Kategorie Rising Star gewann, war Schluss mit Tingeln. Über Nacht wurde seine explosive Mischung aus Jazzstandards und Coverversionen von Rock- und Popmusik hip und machte den Sänger und Pianisten zum gefragten Interviewpartner. „Ich dachte früher nie darüber nach, welche Unterstützung ich gerne hätte oder in welche Fernsehshow ich gerne gehen würde. Ich wollte einfach nur spielen. Und so kam es, dass ich bei meiner ersten Fernsehsendung einen absolut fürchterlichen Haarschnitt hatte! Ich musste in diese Rolle erst hineinwachsen: Interviews geben, fotografiert werden und so weiter.“ „Und so weiter“ heißt im Falle Cullums auch seine Kooperation mit Yamaha.

Pianisten haben sich ja in der Regel mit der Situation zu arrangieren, in jedem Haus ein anderes Instrument vorzufinden. Zwar hat sich weltweit eine Handvoll Traditionsmanufakturen durchgesetzt, die im wahrsten Wortsinn „den Ton angeben“. Aber eine Konstanz hinsichtlich Anschlag und Klang gibt es eben nicht. „Ich spiele sehr hart, nicht wie ein klassischer Pianist, der einen viel weicheren und feinfühligeren Anschlag hat. In den wenigen Momenten, in denen ich ein anderes Klavier spielen muss – weil sie meinen Flügel nicht die Treppe hochbekommen haben oder solche Dinge, was sehr selten vorkommt –, fühlt es sich total anders an. Irgendwie nicht richtig. Manche Modelle sind einfach nicht für meine Art des Klavierspiels gemacht.“ Und wahrscheinlich ist manch anderes Traditionshaus insgeheim sogar froh, nicht Augenzeuge eines Cullum’schen Angriffs auf sein Instrument miterleben zu müssen. „Ja, zerstörte Flügel sind nicht wirklich jedermanns Stil.“

Also reist ein Tross aus Technik, Bühne, Licht und Flügel quer durch die Lande, wenn Jamie Cullum wie im Moment auf Tour geht. Das Schicksal seiner Kollegen nicht teilen zu müssen, bedauert er keineswegs. Und er sieht es auch nicht als spaßige Herausforderung, sich auf ein neues Instrument einlassen zu müssen: „Es gibt genug Herausforderungen, wenn man Musik macht. Ein Gitarrist hat seine Gitarre dabei, wo er auch ist. Ein Flötist, ein Saxophonist. Warum sollte ein Pianist das nicht auch dürfen?“

Von der Kooperation mit Yamaha profitieren aber vor allem auch junge Nachwuchspianisten. Die japanische Firma engagiert sich traditionell sehr in der musikalischen Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Im Moment entwickelt Jamie Cullum ein Songbook mit Stundenplan, mit dem sich die Schüler selbst vorbereiten können. Und so die Chance haben, die Stücke später gemeinsam mit Jamie zu spielen und Tipps von ihm zu bekommen.

Auch als Juror beim Amateurwettbewerb The Pianists und als Mentor von Yamaha More Music! zeigt er sein Engagement für Kinder und Jugendliche. Selbst zu unterrichten, schließt er momentan jedoch aus: „Ich lerne ja selbst noch. Ich habe nie Musik studiert, ich hatte nie Klavierunterricht, und ich kann keine Noten lesen. Ich spiele komplett nach dem Gehör. Das bedeutet zwar nicht, dass es für mich nicht möglich wäre zu unterrichten. Aber ich habe nach Zufallsprinzip spielen gelernt, ohne jegliche Struktur. Und das macht es schwierig. Unterricht für Anfänger? Ich glaube, ich würde sie verderben (lacht). Aber ich kann immer Ratschläge geben, wie man beim Spielen sein Herz einbringt!“

INFORMATIONEN
www.jamiecullum.de

DISKOGRAPHIE
Devil May Care
2010 Candid / Fenn Music Service
EAN 0708857935123

The Pursuit
2009 Universal Music
EAN 0602527133027

Catching Tales
2005 Universal Music
EAN 0602498737712

Twenty Something
2004 Universal Music
EAN 0602498687291

TERMINE
16.07.2011 Bern (CH), Gurten Festival
24.07.2011 Lörrach, Stimmen Festival

Videos von Jamie Cullum hier >

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